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Zwangsarbeit in Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont

 

"Gesichter" - Ausländische Zwangsarbeit
in und um Hameln 1939-1945

 
Kap. 14 "In meinem Heimatdorf trafen wir nur Trümmer an." – Befreiung, Leben als "Displaced Person" und Rückkehr in die Heimat

Mit der Befreiung durch alliierte Truppen wurden die Zwangsarbeiter und ihre Kinder zu Displaced Persons, "DPs", Menschen am falschen Platz. Häufig blieben sie nach dem Einmarsch der Alliierten zunächst in den Lagern, mussten aber nicht mehr arbeiten und wurden nun ausreichend ernährt.

In der Hermannschule, der Jugendherberge, dem Haus Erichstraße 4, dem Stadtkrankenhaus, der Linsingen- sowie der Scharnhorstkaserne eröffnete die UNO-Hilfsorganisation UNRRA Krankenhäuser, in denen die häufig völlig geschwächten Menschen untergebracht und gepflegt wurden. 66 Todesfälle sind aus den Monaten nach der Befreiung für Hameln bezeugt.

In der Linsingen- sowie der Scharnhorstkaserne und in kleineren Lagern wurden die Zwangsarbeiter aus Hameln und der Umgebung gesammelt. Sie warteten dort auf ihre Rückführung in die Heimat.

In den Tagen nach der Besetzung und Befreiung durch die Alliierten kam es zu zahlreichen Übergriffen der befreiten Ausländer gegenüber Deutschen. Diese entwendeten Lebensmittel, Kleidung, Dinge des täglichen Bedarfs, Fahrräder und anderes. Sie beteiligten sich – wie auch Hamelner Bürger – an den Plünderungen von Geschäften und Lebensmittel- und Kleiderdepots. Sie bedrohten und verprügelten verhasste Arbeitgeber, Aufseher und Vorarbeiter. Dagegen blieben Mord und Totschlag seltene Einzelfälle. Manche deutsche Verantwortliche hatten sich rechtzeitig abgesetzt und hielten sich über Monate verborgen.

In der Erinnerung der deutschen Bevölkerung an diese Zeit dominiert die Angst, die sie vor den "DPs" empfanden. Diese kurze Phase der Übergriffe von Seiten der umherziehenden Zwangsarbeiter bestimmt bis heute das Bild vieler Deutschen von den Zwangsarbeitern aus dem Osten, nicht das Leid, dem diese Menschen über Jahre hin ausgesetzt waren.

Die Alliierten schätzten, dass im "Großdeutschen Reich" 13,5 Millionen DPs lebten, die zu repatriieren waren. Wegen ihrer großen Zahl und der Zerstörung des deutschen Eisenbahnnetzes gestaltete sich ihre Rückführung außerordentlich schwierig und dauerte bis ins Jahr 1947.

Westeuropäer und Italiener kehrten, häufig auf eigene Faust, sehr rasch in ihre Heimat zurück. Die Rückverschickung der "Ostarbeiter" erfolgte ebenfalls bald nach Kriegsende. Bei den Menschen aus der Sowjetunion gab es große Befürchtungen vor der Heimkehr, weil sie ahnten, dass sie ein bitteres Schicksal treffen würde.

Kap. 14.1 Die Rückführung der "Ostarbeiter" in die Sowjetunion

Stalin ließ 1942 per Dekret jeden sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter zum Vaterlandsverräter oder Kollaborateur erklären. Besonders gegenüber den "Ostarbeitern" ist dieser Vorwurf absurd, waren sie doch fast alle gegen ihren Willen deportiert worden.

Im Abkommen von Jalta im Februar 1945 stimmten die Westalliierten der Forderung Stalins zu, ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter ohne Rücksicht auf ihre individuellen Wünsche an die Sowjetunion zu übergeben.

Die ehemaligen "Ostarbeiter" wurden an der Grenze in Filtrierungslager eingewiesen, in denen sie von Geheimdienstoffizieren registriert, befragt und überprüft wurden. Als unbelastet galt in der Regel nur, wer zum Zeitpunkt seiner Verschleppung ins Deutsche Reich unter 15 Jahre alt gewesen war. Viele Menschen wurden wegen "Feindbegünstigung" verurteilt und kamen in Arbeitslager nach Sibirien.

Auch wer in seine Heimat entlassen wurde, war wegen seines Aufenthalts in Deutschland bleibend benachteiligt und in seinem beruflichen Fortkommen behindert. Die Zeit in Deutschland bei Bewerbungen um Ausbildungs- oder Arbeitsplätze zu verschweigen, war riskant. Die ehemaligen "Ostarbeiter" sind also durch ein doppelt ungerechtes Schicksal betroffen.

Erst seit 1990 mit dem Ende der Sowjetunion können die Betroffenen über ihr Leiden als Verschleppte offen reden. Seit Mitte der 1990er Jahre erhielt diese Personengruppe Opferstatus und Vergünstigungen etwa bei der Miete und der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Frau Merem I., geb. am 21. Mai 1929, Simferopol/Krim, Ukraine.

Nach Kriegsende (uns haben die Amerikaner befreit) kamen wir zu den Sowjetsoldaten. Sie haben alle Sowjetmenschen in einem Lager an der Elbe gesammelt. Dort haben sie uns Dokumente ausgehändigt und nach Hause geschickt.

Da meine Eltern und alle meine Verwandten aus der Krim ausgewiesen waren, schickte man mich nach Usbekistan.

Meinen Aufenthalt in Deutschland habe ich geheim gehalten, weil man solche Leute, wie wir es waren, Helfer der Faschisten und Verräter nannte.

Das Leben ging weiter. Ich habe geheiratet und habe jetzt vier Söhne und eine Tochter. Sogar meine Kinder durften nicht wissen, dass ich Zwangsarbeiterin in Deutschland gewesen bin. 1990 konnten wir in die Stadt Simferopol auf der Krim zurück.

Kap. 14.2 Die Rückkehr der Polen in ihre Heimat

Bei den polnischen Staatsbürgern gestaltete sich die Rückkehr sehr langwierig. Viele wollten rasch zurück, mussten jedoch lange auf eine Gelegenheit zum Transport warten, so dass ein Aufenthalt in Hameln bis weit in das Jahr 1946 nicht selten war. In den großen Komplexen der Scharnhorst- und Linsingen-Kaserne, die von der Besatzungsmacht für die Polen requiriert worden waren, entwickelte sich ein reges Lagerleben. Schulen entstanden, es wurde Theater gespielt etc.

Angesichts der desolaten Zustände in ihrem Heimatland und auch aus Furcht vor dem Kommunismus blieben von den Polen manche in Deutschland, andere wanderten in die USA oder nach Kanada aus.

Aber die große Mehrzahl ging doch in die Heimat zurück. Dort trafen die Menschen oft katastrophale Bedingungen an. Die Städte lagen in Trümmern. Höfe und ganze Dörfer waren zerstört.

Halina B. - Pfadfindergruppe

Nach ihrer Befreiung bildete Halina B. mit anderen polnischen Jugendlichen in der Scharnhorstkaserne eine Pfadfindergruppe.
Quelle: Briefe


Frau Janina B., geb. am 3. Mai 1939 im Dorf Baszkow, Kreis Sieradz, Polen.

Ich kann mich auch an die schönen Momente erinnern, als die Amerikaner kamen. Die haben uns mit Süßigkeiten beschenkt, die ich noch nie gesehen und gegessen hatte. Das waren verschiedene Sorten von Bonbons, Kaugummis, Schokoladen, Fleischdosen usw. Damals war das ein Luxus für uns.

In unserem Heimatdorf trafen wir im Mai 1946 nur Trümmer an. Unsere Landwirtschaft war zwei Jahre nicht bestellt und die Einrichtung war ausgeraubt worden. Wir mussten von Null anfangen.

Mein Vater hat nach einem Jahr wieder geheiratet. Ich hatte eine Stiefmutter, die mich nicht verwöhnte. So manchen Tag saß ich in der Ecke und weinte. Mein Vater, vom Kriegsgeschehen geschwächt, konnte mir kleinem Kind keine Zuwendung mehr geben. Als Kind war ich sehr schüchtern, hatte vor jedem Angst und das Gefühl, minderwertig zu sein. Die fehlende Mutterliebe und die Sehnsucht nach Geborgenheit werfen noch heute einen Schatten auf mein Leben.
 

Frau Marianna M., geb. am 8. September 1930 in Lodz, Polen.

  Marianna M.
Marianna M. aus Polen nach der Befreiung
in der Linsingen-Kaserne. Das Kasernengebäude im Hintergrund trägt die Aufschrift Lwow (Lemberg).
Quelle: Briefe
Nach der Befreiung durch die amerikanischen Soldaten brachte man mich in Hameln ins Krankenhaus. Ich hatte verletzte Beine. In den vielen Jahren hatte ich sehr schwer gearbeitet. So war es kein Wunder, dass ich krank wurde. Im Krankenhaus war ich etwa drei Monate, vielleicht mehr, ich weiß es nicht. Ich wurde gut behandelt, bekam auch Gymnastik und Medizin.
Meine Freundin besuchte mich im Krankenhaus und sagte mir, dass wir in die Kaserne in Hameln gebracht würden. Dort war die Sammelstelle für Ausländer. Die Blocks waren mit Städtenamen gekennzeichnet, wie z.B. Lwow, damit jeder Pole seine Stätte findet. Wir bekamen zu essen und anzuziehen. Die Aufsicht hatten die Amerikaner.
Ein polnischer Pfarrer eröffnete eine Schule dort. Etwa 30 Personen meldeten sich. Es waren zwei Lehrer, einer davon war ein Tänzer. Es waren viele Polen dort. Wir fingen an, Theater zu spielen. Wir machten Volkstänze und mussten viel üben. Ab und zu machten wir auch Sketche. Es war eine schöne und angenehme Zeit, verbunden mit viel Lernen.
Ich hatte das Bedürfnis, nach Polen zurückzufahren. Als erste aber kamen Kinder, Ältere und Kranke in Frage. Mir tat es auch leid, die Schule zu verlassen. So blieb ich bis 1947. Meine Mutter hatte nicht geschrieben, da sie sehr krank war.

 
 

Monika K., geb. 9. Februar 1912 in Warschau, Polen.

 
Identifikationskarte für Macius K., ausgestellt von der Besatzungsmacht.
Quelle: Briefe
Dann kamen die Amerikaner. Wir konnten endlich aufatmen. Endlich bekamen wir genug zu essen. Aber diese Esserei hatte zuerst schlimme Folgen für unsere ausgehungerten Mägen. Wir bekamen auch neue Kleider. Ein paar Tage später konnten wir unsere Baracke verlassen und kamen in die Linsingen-Kaserne. Ich und mein Sohn wohnten in einem eigenen Zimmer.
In der Linsingen-Kaserne blieben wir nicht lange. Eines Tages kamen Freunde, die wir noch aus Polen kannten, und holten uns ab. Dann fuhren wir los. Das Gut in Haus Harderode war schön. Um das Haus herum war ein großer Park und Garten, bildschön. Gleich habe dort ich eine Schule organisiert. Ich wollte den Kindern polnisch beibringen. Manche von ihnen konnten keinen Satz auf Polnisch sprechen.
Wir hatten wahnsinniges Heimweh nach Polen und wollten möglichst schnell in unsere Heimat zurück.
  Aber ich wollte nicht wegfahren, ohne zu wissen, was mit meinem Mann los ist, wo er sich befindet. Deswegen beschloss ich, ihn zu suchen und fing an, eine Reise nach Dachau vorzubereiten. Endlich bekam ich die erforderliche Genehmigung (in drei Sprachen ausgestellt) und wir durften losfahren. ...

 


Herr Jerzy J., geb. am 4. Mai 1936 in Wilczkow, Kreis Turek, Wojewodschaft Posen, Polen.

Nach dem Krieg hat man uns nach Hameln in die Kaserne gebracht. Dort wohnten wir bis Frühjahr 1946. In Hameln ging ich zur polnischen Schule, die in der Kaserne eröffnet wurde. Irgendwann kamen wir in ein Lager nach Bennigsen. In Bennigsen ging ich auch zur Schule. Dann begann man Transporte nach Polen zu organisieren. Wir sind in Züge verladen worden und kamen am 31. Juli 1946 in Polen an. Dort wurden wir registriert.
 

Frau Wanda S., geb. im Jahre 1924 in Polen.

Die Amerikaner haben uns befreit. Sie gaben uns zu essen und saubere Kleidung. Man hat uns dann in ein Dorf gebracht, Richtung Bad Pyrmont, den Namen weiß ich nicht mehr. Dort waren die Menschen nicht gut zu uns. Sie beschimpften uns und spuckten auf uns.
 

Frau Bronislawa P., geb. am 16. Oktober 1914 im Dorf Baszkow, Kreis Sieradz, Polen.
Es schreibt die Enkelin von Frau P.

Ihren künftigen Gatten traf meine Großmutter während eines Treffens mit anderen Polen. Er hieß Wladyslaw S. Sie heirateten im Mai 1945. Ich weiß, dass sie am 12. Mai 1945 in der katholischen St. Augustinus Kirche in Hameln getraut wurden.

Nach Kriegsende blieben sie in Deutschland bis zum Sommer 1946. Am 5. Februar 1946 wurde der Sohn Waclaw geboren. 1946 fuhr die Familie dann mit dem Zug nach Polen zurück. Sie lebten in Baszkow mit ihren Eltern und konnten auf ihren Hof zurück.
 

Frau Zofia P., geb. im Jahre 1928 in Warschau, Polen.

Die Rückkehr in die Heimat war erst im Juli 1946 möglich. Meine Mutter bekam per Boten schlechte Nachrichten aus Polen. Ihre Eltern waren erschossen worden, der Bruder war als vermisst gemeldet und der Mann war im Konzentrationslager umgekommen.

Meine Mutter wurde daraufhin schwer herzkrank und aus diesem Grunde konnten wir nicht eher nach Polen zurückfahren. Als wir dann nach Warschau zurückkamen, fanden wir unsere Wohnung ausgebrannt vor.
 

Herr Kazimierz W., geb. am 12. Februar 1924 in Cielce, Wojewodschaft Posen, Polen.

Als ich dann doch zurück nach Polen fahren musste, sagte mein Bauer:

"Falls es dir dort schlecht gehen sollte, dann komm zurück. Oder schreibe uns, dann schicken wir dir Pakete."

Ich kam zurück in den Ort, in dem meine Eltern die Landwirtschaft hatten. Nichts habe ich dort angetroffen. Es war gut, dass ich eine Decke mitnahm. Ich habe auf dem Fußboden geschlafen. Nach Deutschland zu schreiben hatte ich Angst. Vielleicht hätte mich jemand an die Kommunisten verraten. Bis heute bin ich kein Freund der Kommunisten.
 

Herr Kazimierz R., geb. am 10. November 1934 in Malyn, Kreis Sieradz, Wojewodschaft Lodz, Polen.

Nach Polen sind wir im Herbst 1945 gefahren, in nackte Wände zerstörter Gebäude. Gleich heimzufahren war nicht möglich. Wege, Brücken und Eisenbahnen waren zerstört.
 


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